Erich Kästner und sein »literarisches Büro« im »Café Josty«

Legendäre Kaffeehäuser

Erich Kästner und sein »literarisches Büro« im »Café Josty«

Thema: Im »Café Josty« in Berlin schrieb Erich Kästner nicht nur den Klassiker »Emil und die Detektive«, hier wurde auch der Film gedreht
Ziel der Zeitreise: etwa 90 Jahre zurück in die Zeit der Kaffeehaus-Literatur
Einschlägige Publikation: Erich Kästner: »Emil und die Detektive: Ein Roman für Kinder« (Illustrationen von Walter Trier), Dressler, Hamburg 2010 (152. Auflage); die Erstausgabe erschien 1929
Autor: Jörg Meyerhoff
Lieblingskaffee des Autors: Die Nummer 2 (»Leopold Bloom«) der Moka Consorten – mit viel geschäumter Milch bzw. schwarz
E-Mail-Adresse: aufdenpunkt@gmail.com
Illustration: »Vossische Zeitung«, 24. November 1929 – Originalrezension von Dr. Annie Jacker (einer jüdischen Journalistin, die für die »Vossische Zeitung« schrieb; über sie ist bedauerlicherweise – bis auf eine Nennung in dem unseligen Buch »Die Juden in Deutschland« (5. Auflage, 1936) – auf digitalem Wege nichts weiter in Erfahrung zu bringen)
Weitere Folgen dieser Serie: Die Größenwahnsinnigen vom Café des Westens und Der sagenhafte Herr Eftimiades und sein »Moka Efti«

Ein Auto funktioniert nur mit Benzin, ein Autor nur mit Kaffee. Diese unumstößliche Wahrheit aus der Welt der Schreiber, Texter und Literaten gilt eigentlich, seitdem dieses Getränk Europas Geistesleben beflügelt.

Der wichtigste Ort für die Produktion von Geschriebenem befindet sich von daher traditionell in unmittelbarer Reichweite von heißem Wasser und einer Vorrichtung zur Zubereitung gemahlener Kaffeebohnen. In den Zeiten vor Erfindung von Frenchpress und Heim-Espressomaschinen hießen die Tankstellen für Autoren daher »Café« oder »Kaffeehaus«.

Dies gilt vor allem für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg. Seit dem 19. Jahrhundert fungierten die Cafés der Metropolen gleichzeitig als Wärmestuben, Kontaktbörsen und Redaktionsräume für Kreative aller Art.

Im Herbst 1927 zog es auch den 28jährigen Erich Kästner in die größte deutsche Stadt. In seiner Heimat Sachsen war der Feuilletonist wegen eines zu »frivol« geratenen erotischen Gedichts über Beethoven in Ungnade gefallen. Kästner bezeichnete seinen Rausschmiss aus der »Neuen Leipziger Zeitung« später als »Fußtritt Fortunas«, denn in Berlin startete er schnell durch und schrieb als freier Mitarbeiter für zahlreiche Publikationen, darunter auch so renommierte wie die »Vossische Zeitung« und die »Weltbühne«.

Seine Aufträge für humoristische Gedichte, Theaterkritiken oder Glossen akquirierte Kästner im »Romanischen Café« am Kurfürstendamm. Zur Arbeit zog er sich in sein »lyrisches Büro« im »Café Carlton« am Nürnberger Platz zurück. Etwas südlich davon, in der damaligen Prager Straße 17, wohnte er in einem möblierten Zimmer »in Logis« bei der Witwe Ratkowski und sehnte sich nach eigenen vier Wänden.

Die Kästnersche »Gebrauchslyrik«, wie er sie selber nannte, wurde vom Berliner Publikum begeistert aufgesogen. Seiner Produktivität ließ er freien Lauf, »unterbrochen nur durch Kaffee und den köstlichsten Mohn- und Apfelstrudel von Berlin«, wie sich seine spätere Lebensgefährtin Luiselotte Enderle erinnerte. Um annähernd so schnell schreiben zu können wie er dachte, machte er Notizen in Steno und übertrug diese später auf Schreibmaschine oder diktierte sie jemandem.

Im Frühsommer 1928 lud die Verlegerin Edith Jacobsohn den umtriebigen Autor zu einem »Weltbühnen-Tee« genannten Salonnachmittag in ihre Wohnung. Wahrscheinlich wurde dabei auch Kaffee serviert. Auf dem Balkon sagte Jacobsohn die folgenschweren Worte: »Sie sollten ein Kinderbuch schreiben, Herr Kästner!« Als sie sich drei Wochen später beiläufig erkundigte, ob er über ihren Vorschlag nachgedacht habe, hatte Kästner bereits mehrere Kapitel von »Emil und die Detektive« fertiggestellt. Der Legende nach verfasste er sie in seinem »literarischen Büro«, der Wilmersdorfer Filiale des »Café Josty« (womit wir endlich beim eigentlichen Thema gelandet wären). Dieses Café lag von seiner Wohnung etwa 300 Meter genau in entgegengesetzter Richtung zum »Café Carlton«, an der damaligen Kaiserallee 201, Ecke Trautenaustraße.

Das »Josty« war 1928 bereits eine über 115jährige Berliner Legende. Schon Heinrich Heine, die Gebrüder Grimm und Theodor Fontane pilgerten zu Kaisers Zeiten dorthin für Kaffee und Kuchen. Das Haupthaus am Potsdamer Platz avancierte seit der Jahrhundertwende zum Treffpunkt von Künstlern des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Der Ausblick auf den »Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll« inspirierte den Lyriker Paul Boldt zu einem Sonett über die Terrasse des »Café Josty«. Das Gebäude mit seinen Leuchtbuchstaben wurde auf Postkarten und Gemälden verewigt. Das ruhige Wilmersdorfer »Josty« wurde dank Kästner Schauplatz eines weltberühmten Kinder- und Jugendbuchs.

Um der Auftragsflut und seinen immer zahlreicher werdenden Verpflichtungen Herr zu werden, engagierte Kästner eine eigene Sekretärin. Elfriede Mechnig beschreibt ihre erste, von einer Freundin arrangierte Begegnung so: »Er bestellte uns an einem Sonntagvormittag auf eine Caféterrasse. Er arbeitete dort. Was mir einigermaßen seltsam vorkam. Ich meinte, Dichter müssten zu Hause in der Wohnung dichten. Ich sah also einen zierlichen jungen Herrn an einem Tisch sitzen. Er lächelte mich freundlich an, wir begrüßten einander. Ich war schüchtern und ziemlich schweigsam. Er auch. Meine Freundin redete. Dann fiel der prophetische Kästnersche Satz: ‘Wollen Sie mir helfen, berühmt zu werden?’«  Elfriede Mechnig wollte und blieb 40 Jahre lang seine wichtigste Mitarbeiterin.

Für die Geschichte von Emil Tischbein, dem auf der Zugreise zu seiner Oma in Berlin Geld geklaut wird, ließ sich Erich Kästner von einem Kindheitserlebnis in Dresden inspirieren. Dort hatte er als kleiner Junge eine Betrügerin verfolgt und gestellt, die seine Mutter übers Ohr gehauen hatte. Die Detektivgeschichte um eine Kinderbande, die Emil dabei hilft, den Dieb zu fassen, ist voll mit Berlin. Im »Café Josty«, in dem das Buch geschrieben wurde, bestellt der Verbrecher Grundeis Eier im Glas. Gegenüber, hinter einem Zeitungskiosk, spricht Gustav mit der Hupe Emil an und fragt: »Du bist wohl nicht aus Wilmersdorf?«

Die Szene mit Grundeis, der das »Josty« gerade verlassen hat, schaffte es auf den Titel von »Emil und die Detektive«. Die in Knallgelb gehaltene Illustration des Zeichners Walter Trier zeigt zwei Jungs hinter einer schmalen Litfaßsäule, die einen Mann mit steifem Hut beobachten. Das stilisierte Eckgebäude im Hintergrund besteht aus einem Ladenlokal mit großen Fenstern und einer von einem gestreiften Baldachin geschützten Außenterrasse. Da Kästner und Trier befreundet waren, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sich damals im »Josty« trafen und gemeinsam auf die Werbesäule blickten, die tatsächlich gegenüber auf der anderen Straßenseite stand.

Das Buch erschien im Herbst 1929 und wurde ein Riesenerfolg. Bis heute wurde es in 54 Sprachen übersetzt, acht Mal verfilmt, ungezählte Male auf Theater- und Musicalbühnen aufgeführt, in verschiedene Brettspiele übersetzt und im Radio gesendet. Schon kurz nach der Veröffentlichung konnte sich Kästner eine eigene Wohnung in der Roscherstraße 16 im Stadtteil Charlottenburg leisten.

Sein nächster Schreibort hieß »Café Leon« und lag im 1. Stock eines eleganten Neubaus am Kurfürstendamm, neben der heutigen Schaubühne am Lehniner Platz. Der Schriftsteller Hermann Kesten schrieb über seinen Freund Kästner: »Das Kaffeehaus ist sein Büro, die Bar seine Schreibstube. Er steht mittags auf und geht um fünf Uhr morgens zu Bett. Er ist hübsch, ja elegant, ein Tennisspieler, ein Tänzer. Er fehlt in keiner Theaterpremiere. Er ist die Säule vieler literarischer Kabaretts.«

Als »Emil und die Detektive« 1931 verfilmt wurde, spielte Kästner in einem Cameoauftritt einen Straßenbahn-Passagier, der Emil die Fahrkarte bis zum »Café Josty« spendiert. Die Dreharbeiten fanden größtenteils an Originalschauplätzen statt. So zeigt der Film heute noch etwas von dem Flair, das 14 Jahre später in Schutt und Asche liegen sollte.

Neben sämtlichen »Josty«-Filialen gingen auch das »Café Carlton«, das »Café Leon« und die erwähnten Wohnungen Kästners in Flammen auf. Den Anfang nahmen 1933 die Bücher des als »Kulturbolschewisten« geschmähten Autors. Walter Trier und Edith Jakobsohn mussten sich zur selben Zeit als Juden ins Exil retten. Die Verlegerin starb 1935 verarmt in London. Trier fertigte bis zu seinem Tod 1951 in Kanada weiter Illustrationen. Fast die komplette Jungsbande aus dem Film, inklusive der Darsteller des Emil und des Gustav, kamen als Soldaten im Krieg um.

Erich Kästner blieb in Berlin. »Mich läßt die Heimat nicht fort. Ich bin wie ein Baum, der – in Deutschland gewachsen – wenn’s sein muss, in Deutschland verdorrt«.

Trotz Repressionen verfasste er während des Nationalsozialismus Drehbücher für Unterhaltungsfilme der UFA und bezog aus der Schweiz Tantiemen seiner zahlreichen Bestseller. Nach Kriegsende zog er nach München, wo er wieder als Journalist, Buch- und Kabarettautor arbeitete. Er wurde Vater eines Sohnes, Präsident des westdeutschen P.E.N.-Zentrums, hielt vielbeachtete Reden gegen die Wiederbewaffnung und den Vietnamkrieg, gründete die »Internationale Jugendbibliothek« und erzählte als Stammgast in der Schwabinger Gaststätte »Leopold« von seinen aufregenden Berliner Jahren.

Viele Jahre nach seinem Tod 1974 errichtete ihm seine Heimatstadt Dresden am Albertplatz ein Denkmal. Es besteht aus einem Stapel Bücher, einem Jugendbild im Relief, einem Hut, einem Aschenbecher und einer Kaffeetasse.

Von Kästners vielen »Büros« ist keines erhalten geblieben. Dort, wo einst das »Café Josty« stand, befindet sich heute ein Neubau. Im knallgelb gestrichenen Erdgeschoss residiert ein Bio-Supermarkt. Immerhin: Die berühmte Litfaßsäule gegenüber steht unter Denkmalschutz und kann jederzeit besichtigt werden.

 

 

 

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