Die magische Botanisiertrommel oder VII äußerst wichtige Hinweise aufs Kaffeehaus

Legendäre Kaffeehäuser

Die magische Botanisiertrommel oder VII äußerst wichtige Hinweise aufs Kaffeehaus

Thema: Anmerkungen über das Kaffeehaus
Autor: Christian Ankowitsch
Publiziert am: 22. August 2021
Editions-Anmerkung: Dieser Text ist die leicht überarbeitete Fassung eines Artikels, der am 16.1.2021 in der »Berliner Zeitung am Wochenende« unter dem Titel »Das (Kaffee-)Haus der Humanität darf nicht sterben!« erschienen ist, herausgegeben von Margit J. Mayer – herzlichen Dank für die Erlaubnis zur Zweit-Veröffentlichung
Illustration: © Manfred Schmidt, der nicht nur mit seinen Reise-Reportagen bekannt wurde sondern vor allem mit seiner Figur des Nick Knatterton – vielen Dank an Manfred Schmidts Erben für die Erlaubnis, die Illustration verwenden zu dürfen und die Vermittlung des »Lappan Verlags«

Der größte Irrtum über das Kaffeehaus besteht darin, daß die Qualität des Kaffees irgendeine Rolle spielt. Tut sie nicht. Egal, ob darin talentierte Baristas werken oder miese Kaffeebrauer, ob sie ein echtes Kaffeehaus betreiben oder bloss eine weitere Kaffeebar – über die Verfasstheit des Ortes entscheidet etwas anderes. Die Frage nämlich, ob das fragliche Kaffeehaus eine »Aura« besitzt »wie alle Erscheinungen von Bedeutung« – oder eben nicht. So der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer im Jahr 1960. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Wiens Kaffeehäuser sind keine nostalgischen Touristenbuden (manche schon, aber sei’s drum), sondern »eine Institution besonderer Art (…), die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist«, wie Stefan Zweig in seinen »Erinnerungen eines Europäers« schreibt. Ein lebendiges, filigranes Sozialkunstwerk also, dessen Qualitäten zeitgenössischer nicht sein könnten und von denen sich – in diesem einen Fall tatsächlich – der Rest der Welt etwas abschauen könnte.

Bei der erwähnten »Aura« handelt es sich um einen »transrationalen Sachverhalt«, so Doderer, also um eine Art Spirit, der das Kaffeehaus formt und durch das Kaffeehaus geformt wird. Einfach zu erleben, wenn Sie drinnensitzen. Schwer zu beschreiben, so aus der Ferne, vor allem in diesen Zeiten, aber einen Versuch allemal wert. Der leichteren Lesbarkeit halber in Form von VII Abschnitten.

I. Ein gutes Kaffeehaus steht nicht nur allen offen, sondern es gehen auch tatsächlich alle hinein. Es stellt nämlich einen radikal basisdemokratischen Ort dar, wie Sie ihn kaum sonstwo finden werden. Egal ob Junge oder Alte, Hippies oder Vermuffte, Arme oder Reiche – sie alle werden im Kaffeehaus gleich behandelt, weshalb auch alle das Gefühl haben, am richtigen Ort zu sein. Der Wiener Lyriker HC Artmann hat das Café Hawelka (und damit alle guten Kaffeehäuser) als eine »magische Botanisiertrommel« beschrieben, die die unterschiedlichsten Individuen nicht nur zusammenbringe, sondern »in arkadischer Eintracht« vereine.

II. »Ins Kaffeehaus geht man, wenn man allein sein will, aber dazu Gesellschaft braucht.« Dieses beinahe zutode zitierte Bonmot stammt von Alfred Polgar und keine Betrachtung des Kaffeehauses kommt ohne es aus, denn es bringt die Sache auf den paradoxen Punkt. Ist aber erklärungsbedürftig.

Weil ein jeder ins Kaffeehaus geht, sitzen dort eine Menge sehr verschiedener Menschen herum. Sie unterscheiden sich nicht nur in ihrer Herkunft, sondern auch in ihren politischen Ansichten. Was anderswo zu veritablen, oft verbitterten Feindschaften führt, spielt im Kaffeehaus keine Rolle, denn in Wien geht man vor allem deshalb hin, »um sich zurückzuziehen, und jeder setzt sich, inselbildend, soweit wie möglich von jedem anderen« (nochmals Doderer, diesmal in der »Strudlhofstiege«). Gleichzeitig ist man jedoch bei seinem Alleinseinwollen unter Menschen, kommuniziert mit ihnen und sei’s, indem man beredt schweigt. Diesem Fürsichsein fehlt also jene nagende Einsamkeit, die man riskiert, wenn man das Alleinesein ganz alleine hinzubekommen versucht.

Dem Beisammensitzen liegt ein vertracktes Regelwerk zugrunde, das nicht nur in jedem guten Kaffeehaus gilt, sondern (noch besser) ein jeder kennt. Es würde daher niemand auf die Idee kommen, einen solo am Tischchen Sitzenden zu fragen, ob er sich zu ihm gesellen könne. Vollkommen selbstverständlich hingegen ist es, eine Bekannte, die am Nebentisch Platz nimmt, freundlich zu grüssen und anschliessend stundenlang kein Wort mit ihr zu wechseln. Sie wird das nicht als Unhöflichkeit, sondern als Rücksicht verstehen. Wer Anschluss sucht, pirscht sich an den Tarock- oder Schachtisch heran.

III. Das Kaffeehaus ist das Schweizer Messer der Alltagsbewältigung. Es gibt kaum eine sinnvolle, im Sitzen ausübbare Tätigkeit, der Sie dort nicht nachgehen könnten: lesen (Bücher, die ausliegenden Tageszeitungen), dichten, Schule schwänzen, nachdenken, dösen, Kaffee trinken, untätig dasitzen.

In einigen Kaffeehäusern gibt es abgetrennte, für die anderen dennoch gut einsehbare Räume, in dem sich die Tarock- oder Schachspieler treffen. Deren rabulistische Halbsätze bilden einen wichtigen Bestandteil jenes schwebenden Gemurmels, das den typischen Soundtrack eines guten Cafés ausmacht und dessen konzentrationsfördernde Wirkung jeder schätzt (niemals, wirklich niemals darf in einem Café Hintergrundmusik dudeln, unerträgliche Kulturlosigkeit; Klavier abends hingen ok, wenn auch erübrigbar). So ist es auch nicht verwunderlich, daß alle von Prokrastination Geplagten ins Kaffeehaus flüchten, um dort ihr Zeug zu erledigen. Das Café dient also bereits seit Jahrzehnten als ein Ort, den manche in Form des »Coworking space« erfunden zu haben glauben. Und das zum Gegenwert von einer einzigen Schale Kaffee, denn:

IV. Mit der Bestellung eines einzigen Mokkas erwerben Sie das unbeschränkte Aufenthaltsrecht in einem echten Kaffeehaus. Sie können stattdessen auch ein Soda-Citron bestellen, ein kleines Bier oder zwei Eier im Glas. Egal. Sobald Sie geordert haben, können Sie an ihrem Tischchen sitzen bleiben, so lange sie wollen und niemand wird sie mehr mit Fragen nach weiteren Bestellungen behelligen. Sollten Sie etwas gegessen haben, wird der Kellner das benutzte Geschirr abtragen und von nun an Gläser mit frischem Wasser bringen, kostenlos natürlich, denn an leerem Tische zu sitzen ist vollkommen undenkbar.

Dieses ungeschriebene Gesetz ermöglicht es nicht nur Menschen mit wenig Geld, ein Café zu besuchen (siehe I.), sondern es macht aus ihm einen seltsam aus der Zeit gefallenen Ort, der sich dem allgegenwärtigen Druck entzieht, jedes und alles verwerten oder ausbeuten zu müssen. Das erklärt auch, warum man als Kaffeesieder nicht reich wird. In Nach-Corona-Zeiten freilich ist dieses sinnvolle Gesetz außer Kraft gesetzt und vielmehr heftigste Konsumation hochpreisiger Getränke en masse absolute Pflicht für den überzeugten Kaffeehausgänger.

V. Ein gutes Kaffeehaus ist ein soziales Gesamtkunstwerk. Damit es lebendig bleibt, benötigt es zweierlei: eine im Hintergrund wirkende Persönlichkeit und ein Dutzend von Kellnerinnen und Kellnern, die ihr Handwerk verstehen.

Viel lässt sich über jene, meist nur Insidern bekannten Persönlichkeiten nicht sagen, die gute Kaffeehäuser betreiben. Entweder wollen Sie nicht verraten, was sie da tun, oder es ist ihnen selber nicht ganz klar. Eine Sache freilich ist unumgänglich: deren persönliche Anwesenheit. So konnte man jahrzehntelang das Ehepaar Hawelka in ihrem Café treffen und wer heute ins Prückel geht, begegnet dort die Cafétière Christl Sedlar, die seit Jahrzehnten gleich beim Abgang zur Kellerbühne und zu den WCs an ihrem Tisch residiert (und dort auch, scheint’s, ihre Steuererklärungen erledigt).

Wie wichtig all jene Menschen sind, die den Espresso etc. bringen, das wiederum erkennt man an zweierlei: Daß man sich als Stammgast eines Kaffeehauses nicht nur darum bemüht, von den – einem namentlich natürlich bekannten – Kellnern ebenfalls erkannt zu werden, sondern auch daran, daß man immer wieder Nachrufe auf den einen oder anderen lesen kann. So schrieb Friedrich Torberg ein legendäres »Requiem« auf den Oberkellner Franz Hnatek aus dem Herrenhof (zu finden in der »Tante Jolesch«); vor einiger Zeit publizierte der Autor dieses Textes eine »Ode an Herrn Horst«, den Kellner des Wiener »Café Prückel« (nachzulesen in unserem Blog) und erst Ende 2020 erschien in einigen Wiener Medien der Nachruf auf Philip Sabic, den allseits geschätzten Oberkellner des Café Korb. Wo sonst wäre Derartiges denkbar?

Es sind eine Vielzahl an Fähigkeiten, die den perfekten Oberkellner ausmachen, naheliegende wie Diskretion, Aufmerksamkeit und eine gewisse Unnahbarkeit, unabdingbare wie die Kunst des »Schmähführens«. Der Schriftsteller Doron Rabinovici hält diese Fähigkeit sogar für dessen wichtigste Dienstleistung: Der Oberkellner übernehme die »Ironisierung des Lebens. Und zwar für jene, die das auf sich selbst noch nicht anwenden«.

VI. Diesem Text fehlt eine ganze Menge. Zu wenig Platz, zu viel Stoff, zu ausschweifender Autor. So zum Beispiel der Hinweis darauf, daß jeder Mensch ein Grundrecht auf drei Kaffeehäuser hat, wie Rabinovici meint; zudem fehlen Zitate von Eva Menasse, die den wunderbaren Roman »Vienna« geschrieben hat, vom Essayisten Franz Schuh (siehe uva dessen Interview im Standard zur Sache) und ca. 12 weiteren Menschen, die Kluges übers Café gesagt haben. Und es fehlen Anekdoten, wie sie in Friedrich Tobergs »Tante Jolesch« nachlesbar sind. Wie zum Beispiel diese hier:

VII. Als Alfred Polgar eines Nachmittags das Kaffeehaus verlassen hatte, gesellte sich der aufdringliche Stammgast Weiß zu ihm und stellte dem Schriftsteller eine »scheinbar ausweglose Frage«: Sie lautete: »In welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?« Worauf er die prompte Anwort erhielt: »In die entgegengesetzte.«

Weiterführende Lektüre
Artmann, HC: Aus meiner Botanisiertrommel. Balladen und Naturgedichte
Doderer, Heimito von: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre
Menasse, Eva: Vienna
Rabinovici, Doron: Die Außerirdischen
Torberg, Friedrich: Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten
Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers

 

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