Die Größenwahnsinnigen vom Café des Westens

Legendäre Kaffeehäuser

Die Größenwahnsinnigen vom Café des Westens

Thema: Wie das »Café des Westens« in Berlin durch seine illustren Gäste zum »Café Größenwahn« wurde
Ziel der Zeitreise: etwa 100 Jahre zurück in die Zeit der Hauptstadt-Bohème
Einschlägige Publikation: Jürgen Schebera: »Damals im Romanischen Café. Künstler und ihre Lokale im Berlin der zwanziger Jahre«, Das Neue Berlin, 2005
Autor: Jörg Meyerhoff
Lieblingskaffee des Autors: Die Nummer 2 (»Leopold Bloom«) der Moka Consorten – mit viel geschäumter Milch bzw. schwarz
E-Mail-Adresse: [email protected]
Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Verlags »Das Neue Berlin«
Weitere Folgen dieser Serie: »Der sagenhafte Herr Eftimiades und sein »Moka Efti«

Es ist kaum zu glauben, aber vor 122 Jahren befand sich der Kurfürstendamm in Berlin noch inmitten einer vogelwilden Gegend mit großen Brachflächen und vielen Kiefern; der »Neue Westen« befand sich jottwedee, janz weet draußen. Und es war gewiss ein Wagnis, dort 1893 an der Ecke zur ebenfalls unbedeutenden Joachimsthaler Straße ein kleines Café zu eröffnen.

In der Tat verkaufte der glücklose Gründer sein »Café des Westens« bereits zwei Jahre später an einen Herrn Rocco aus Italien weiter. Ein magischer Moment, denn dieser Wechsel war der Beginn eines wundersamen Aufstiegs zur »Königin aller Cafés«, wie die Dichterin Else Lasker-Schüler ihre inoffizielle Zweitwohnung später nannte. Denn Herr Rocco, ein begnadeter Koch, rechnete es sich bald als besonderen Verdienst an, dass die Künstler aus der Neubau-Nachbarschaft sein mit Pseudo-Rokoko und billigen Gobelins ausgestattetes Etablissement frequentierten.

Schnell formierten sich Stammtisch-Runden. Der Jugendstil-Maler Edmund Edel gehörte bald ebenso dazu wie Ernst von Wolzogen, der Gründervater des deutschen Kabaretts, oder der Jungschauspieler und spätere Theatermagier Max Reinhardt. Die Kunstkritiker Herwarth Walden, Alfred Kerr und Herbert Ihering diskutierten sich hier die Köpfe heiß. Die Komponisten Paul Lincke, Walter Kollo, Richard Strauss und Friedrich Hollaender trafen auf die Schriftsteller Gottfried Benn, Carl Sternheim, Frank Wedekind, Alfred Döblin, Salomo Friedlaender, Egon Erwin Kisch und Erich Mühsam. Der Autor Leonhard Frank erinnerte sich später an die vielen »Kampfgespräche über Literatur«: »Sie dauerten jeden Tag bis fünf Uhr früh. Und da wir spätestens bis vier Uhr nachmittags wieder im Café sein mussten und, wie ich mich mit Bestimmtheit erinnere, doch auch irgendwann geschlafen haben, frage ich mich heute vergebens, wann wir eigentlich unsere Bücher schrieben.«

Der Bildhauer und Maler Ottmar Begas versah im Laufe vieler Nächte die Marmortische mit Portraits der Stammgäste. Erste Touristen strömten herbei, um bei einem Kaffee Berühmtheiten zu paparazzen. Das Café, das ab 1903 den Beinamen »Café Größenwahn« bekam, wurde durch seine Gäste zu einer Legende.

In einer Festschrift zum zwanzigjährigen Bestehen 1913 versuchte Edmund Edel die Frage zu beantworten, warum das kleine Café zum Hauptsitz des Berliner Geistes geworden war. »Eines Tages war es offenbar Tatsache, daß nur hier im großen Berlin sich der Geist und die Seele in den nötigen Schwung bringen lassen könnten. Es war, als wenn die Marmortische mit süßem Leim bestrichen wären. Das kleine Café wurde berühmt nicht nur wegen seiner guten Wiener Küche, seines vorzüglich gepflegten Pilsners als auch wegen seines Größenwahns. Nicht des Besitzers sondern seiner Besucher. Allmählich überzogen Scharen von Geisteshelden aller Fakultäten das Kaffeehaus, saßen und lagerten an den Marmortischen am hellen Tage und in tiefdunkler Nacht, und wenn es hochkam, hatten sie eine Zeche von 55 Pfennig gemacht. Aber sie saßen an den Marmortischen wie an den Wassern Babylons.«

Ein wesentlicher Grund für die Atmosphäre war beim Personal zu suchen. Der Oberkellner, Herr Hahn, fungierte als diskreter Kreditvermittler zwischen Mäzenen wie den Ullstein Brüdern, Hofrat Dr. von Rosenberg oder dem Verleger Paul Cassirer, die oft für bedürftige Stammgäste wie Else Lasker-Schüler oder Erich Mühsam die Rechnungen beglichen.

Der bucklige Zeitungskellner, wegen seiner Haarfarbe der »rote Richard« genannt, wurde 1923 von Joseph Roth sogar in einem Feuilleton in der »Neuen Berliner Zeitung« gewürdigt: »Er war rothaarig. Er war eigens erfunden vom literarischen Beirat des lieben Gottes und vom Pressechef des Himmels zum Zeitungskellner ausersehen. Er sah Generationen von Literaten kommen und gehen. Sie verschwanden in Gefängnissen und Ministerstühlen. Sie wurden Revolutionäre und Attachés. Und sie blieben ihm alle Geld schuldig. Er wußte den Weg, den sie machen würden, kannte den Stil, den sie schrieben. Wußte, wo sie nachgedruckt worden waren und erzählte es ihnen. Er reichte ihnen die Zeitung mit der Nachricht, gewissermaßen die Botschaft mit der Schale. Und wenn sie unbekannt waren – er förderte sie…« Da die überreichten Journale oft mit den Gästen verschwanden, trugen sie ab 1904 alle einen Stempel: »Gestohlen im Café des Westens«.

Von 1913 begann der Stern des »Größenwahns« schnell zu verblassen. In diesem Jahr gründete Ernst Pauly, der das Café 1904 übernommen und lange erfolgreich betrieben hatte, ein paar Häuser weiter am Kurfüstendamm 26 ein neues »Café des Westens«, ein Konzertcafé. An der alten Adresse betrieb er weiter das Café, nunmehr unter dem offiziellen Namen »Café Größenwahn«. Hier wehte freilich ab sofort ein eisiger Wind. Else Lasker-Schüler schrieb verzweifelt einen offenen Brief: »Eines Tages verbot der Besitzer der Dichterin Else Lasker-Schüler (…) das Lokal, weil sie nicht genug verzehre. Man denke! Ist denn eine Dichterin, die viel verzehrt überhaupt noch eine Dichterin? Ich empfand das mit Recht als eine unerhörte Beleidigung, als schimpfliches Mißtrauen gegenüber ihrer dichterischen Echtheit. Ebenso dachten die anderen. Daher verließen sie empört das Lokal. (…) Wir wollen nun Herrn-Café-des-Westens zwingen, sich zu entleiben, ich schlage vor, mit dem Cafélöffel.«

Bis 1915 dauerte das Siechtum des »Café Größenwahn«. Dann wurde es geschlossen. 1931 eröffnete in seinen ehemaligen Räumen das »Café Kranzler«. 1945 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Nur die Legende lebt weiter. Nach dem 1. Weltkrieg übernahm das »Romanische Café« die Rolle des literarischen Treffpunkts. Davon an anderer Stelle mehr.

Bildquelle: Edgard Haider: »Verlorene Pracht. Geschichten von zerstörten Bauten«, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2006, S. 162

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